Diese Nacht

WERNER SCHROETER - Biografie

Werner Schroeter, geboren 1945 in Georgenthal (Thüringen), verteidigt seit den späten sechziger Jahren eine singuläre Position in der internationalen Filmlandschaft. Schroeters erste Experimentalfilme auf 8mm entstehen 1967. Er zeigt sie auf dem Experimentalfilmfestival von Knokke, wo er Rosa von Praunheim kennen lernt, mit dem er fortan eine intensive künstlerische und persönliche Beziehung unterhält. In einer Phase atemberaubender Produktivität folgen 1968/69 eine Vielzahl weiter Experimentalfilme auf 8mm und 16mm. Schon diese frühen Werken sind geprägt von Werner Schroeters immensen Liebe für die Oper, und insbesondere für Maria Callas, die für Schroeters Leben und Werk von eminenter Bedeutung ist. So lassen sich manche Zeilen aus dem Nachruf, den er 1977 für den SPIEGEL verfasste, wie ein künstlerisches Credo lesen, das wohl bis heute nichts an Gültigkeit verloren hat: "Schönheit entsteht durch Wahrheit und nicht umgekehrt (...). Die ins Maßlose getriebenen Ausdrucksmomente der Kunst stellen nichts anderes dar als das Bedürfnis, die Zeit anzuhalten. Das heißt, die Endlichkeit der menschlichen Bedürfnisse zuignorieren und ihnen die Glaubhaftigkeit im Ausnahmefall und damit auch ihren Stolz zu geben." Wie die Callas auf der Opernbühne versucht Werner Schroeter auf der Filmleinwand in exzessiverWeise „die wenigen total vertretbaren Gefühle: Leben, Liebe, Freude, Hass, Eifersucht und Todesangst in ihrer Totalität und ohne psychologische Analyse vorzutragen.“

Schroeters erster Langfilm Eika Katappa erhält 1969 auf den Internationalen Filmwochen Mannheim den Josef von Sternberg-Preis und erfährt großes Interesse der internationalen Filmkritik. Der Film läutet eine zweite Phase im Werk Werner Schroeters ein, die eine Abwendung vom reinen Experimentalfilm hin zum – zumindest ansatzweise narrativen - Spielfilm bedeutet. Mit einem relativ festen Stamm an Darstellern (etwa Christine Kaufmann oder insbesondere Magdalena Montezuma) dreht Schroeter eine Reihe faszinierend-extravaganter Filme von opernhafter Theatralität, die fragmentarische „Erzählflöckchen“ (Sebastian Feldmann) zu komplexenallegorischen Bild-Ton-Collagen fügen, etwa Salome (1971), Der Tod der Maria Malibran (1971), Willow Springs (1972-73) oder Flocons d’Or (1973-76). Liebe, Tod, Sehnsucht und Leidenschaftziehen sich als leitmotivische Themen durch diese schillernden Werke, zu deren größten Bewunderern der französische Philosoph Michel Foucault zählte. Schroeter wird neben Fassbinder, Herzog oder Wenders zu einem der wichtigsten Exponenten des aufstrebenden jungen deutschen Kinos. Als Kosmopolit ohne festen Wohnsitz dreht Schroeter in jenen Jahren in Mexiko, Frankreich, Libanon, Tschechien, Österreich, USA und Italien. Gleichzeitig beginnt er verstärkt und mit großem internationalem Erfolg, für das Theater und die Oper zu inszenieren.

Nachdem er 1978 mit Regno di Napoli durch eine Hinwendung zu einem epischeren, realistischeren Stil überrascht hatte, erfährt Werner Schroeter 1980 mit dem dezidiert politischen Tryptichon Palermo oder Wolfsburg seinen bis dahin größten Erfolg. Diese Passionsgeschichte eines sizilianischen Gastarbeiters in der Bundesrepublik wird auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Es folgen weitere Spielfilme wie Tag der Idioten (1982) oder Der Rosenkönig (1984-86) sowie dokumentarische Essayfilme. Die von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek adaptierte Ingeborg-Bachmann-Verfilmung Malina (1990), mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle, feiert in Cannes Premiere und wird mit Deutschen Filmpreisen unter anderem in den Kategorien „Bester Film“ und „Beste Regie“ ausgezeichnet.

In den neunziger Jahren konzentriert sich Werner Schroeter auf die Theater- und Opernarbeit, sodass nur wenige, dokumentarische Filme entstehen (etwa Abfallprodukte der Liebe, 1996). Im Jahr 2002 feiert er dann auf den Filmfestspielen von Cannes mit Deux ein fulminantes Spielfilm-Comeback, das in seiner höchst fragmentarischen Form das stilistische und thematische Universum Schroeters noch einmal virtuos kondensiert. Eine grandiose Isabelle Huppert brilliert darin in der Doppel-Hauptrolle zweier bei der Geburt getrennter Zwillingsschwestern.

Mit Diese Nacht (2008) überrascht Werner Schroeter nach sechsjähriger Abstinenz von der Leinwand noch einmal mit einer neuen Facette seines Schaffens. Basierend auf dem Roman "Para esta noche" des großen lateinamerikanischen Romanciers Juan Carlos Onetti, ist Diese Nacht sicherlich eines der düstersten Werke in Schroeters Filmografie, das ganz Fassbinders Diktum bestätigt, Werner Schroeter habe seinen Platz irgendwo zwischen Lautréamont, Novalis und Louis-Ferdinand Céline. Besonders die Affinität zu letzterem wird deutlich in dieser hochkarätig besetzten Parabel, die sich unverkennbar in die stilistische und thematische Tradition des schroeterschen Oeuvres einfügt, und diesem doch, etwa in ihrer geradezu film-noir-artigen Atmosphäre, ganz neue Dimensionen erschließen vermag. Der Film läuft 2008 im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig, wo Werner Schroeter mit einem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk ausgezeichnet wird.